"Lobe den Herrn, meine Seele"

Von der Seele ist häufig die Rede. Gerne lassen wir "die Seele baumeln" und finden unseren "Seelenfrieden". Wir sind bei etwas mit "Leib und Seele" dabei und mit jemandem "ein Herz und eine Seele". Wir fühlen uns mit anderen "seelenverwandt" und sind "beseelt von einer Sache". Man kann aber auch seine "Seele verkaufen", eine "unruhige Seele" haben oder eine "arme Seele" sein. Menschen gehen zum Seelsorger, wenn ihnen etwas "schwer auf der Seele liegt" und sie sich etwas "von der Seele reden" möchten, oder sie gehen zum Psychotherapeuten, wenn die "Seele krank" ist.

Manche glauben an die Unsterblichkeit der Seele, manche an die Seelenwanderung, manche glauben, dass die Seele im Körper wohne und ihn nach dem Tod verlassen kann wie ein Vogel.

Doch was ist die Seele eigentlich? Was meinen wir, wenn wir Seele sagen?

So klar und eindeutig ist das nicht. Schon seit Jahrtausenden reden Menschen von der Seele, doch meist ist der Begriff Seele unscharf und nicht exakt zu definieren.

Das zeigt auch ein Blick in die Bibel und die Theologiegeschichte.

In den deutschen Übersetzungen des Alten Testamentes wird das hebräische Wort näfäsch meistens mit Seele übersetzt. Und so tun es schon die altgriechische ("psyché") und lateinische ("anima") Ausgabe der hebräischen Bibel. Allerdings wird näfäsch in den Übersetzungen nicht immer mit Seele/psyché/anima wiedergegeben, und das zeigt, dass der Begriff Seele einen gewissen Bedeutungsspielraum besitzt.

Die Grundbedeutung von näfäsch ist Hauch und Atem. Gleich am Anfang der Bibel wird in der zweiten Schöpfungsgeschichte erzählt: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen, hebräisch eine lebendige näfäsch.

Mit dem Atem des Lebens kommt die Seele in den Menschen, oder besser gesagt, der Mensch wird eine lebendige Seele. Das heißt, er hat keine Seele, sondern ist eine Seele. Hier wird deutlich, dass die hebräische Bibel die Seele nicht losgelöst vom Körper versteht und den Menschen als eine Einheit von Leib und Seele sieht.

Diese "Körperlichkeit" der Seele kommt zudem dadurch zum Ausdruck, dass man sich die Seele in vielen Fällen wie eine Kehle oder einen Rachen vorstellt, und zwar sowohl als Organ des Atems als auch der Nahrungsaufnahme.

Einige Beispiele:

"So schreit meine Seele, Gott, zu dir" (Psalm 42), "Meine Seele ist stille zu Gott" (Psalm 62) oder "Es dürstet meine Seele Gott nach dir" (Psalm 63), "Ihre Seele verschmachtete in ihr" (Jeremia 15).

Von den Vitalfunktionen der Seele als Ort des Atems und der Nahrungsaufnahme ist es nicht weit zum Ort der Gefühle und Empfindungen, die mit der Seele verbunden werden. Die Seele ist der Ort unterschiedlichster Gemütszustände, des Begehrens und Verlangens, der Freude, der Angst und des Kummers.

In der Bibel singt die Seele, sie lobt und wird erquickt. Sie verzehrt sich, sie ist betrübt, sie klagt und hasst, sie empfindet Trauer und weint.

Die Seele steht im Alten Testament für alle diese Emotionen und damit für das Leben selbst in allen seinen Facetten. Und sie fungiert quasi als Kontaktstelle mit Gott, der das Leben schenkt und der zum Adressaten der Seele wird, in Freude und Glück genauso wie in Schmerz und Sehnsucht. So ist die Seele in der hebräischen Bibel niemals ohne den Körper zu denken. Beide gehören zusammen, machen erst gemeinsam für das biblische Denken den Menschen aus. Von einer Unsterblichkeit der Seele ist hier nicht die Rede.

Das Neue Testament nimmt diese Vorstellung im Grunde auf und sieht den Menschen ebenfalls als Einheit von Leib und Seele. Auch hier ist die Grundbedeutung für psyché Hauch und Atem. Die Seele gilt als die Lebenskraft des Menschen und als der Sitz des Lebens. Und sie steht für die ganze Bandbreite der Gefühle.

Einige Beispiele: "So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele" (Matthäus 11), "Meine Seele erhebt den Herrn" (Lukas 1) oder "Meine Seele ist betrübt bis an den Tod" (Matthäus 26).

Allerdings ist das Neue Testament auch beeinflusst vom griechischen Denken, mit dem ein Dualismus von Leib und Seele in das Verständnis vom Menschen einzog und die Vorstellung, die Seele sei unsterblich. So heißt es etwa: "Die die Seele nicht töten können" (Matthäus 10), "Du wirst meine Seele nicht bei den Toten lassen" (Apostelgeschichte 2) oder "Das Ziel eures Glaubens: der Seelen Seligkeit" (1. Petrusbrief 1).

In den Briefen des Paulus wird dagegen niemals eine unsterbliche Seele erwähnt. Der Apostel redet vielmehr von der Auferstehung der Toten (1. Korintherbrief 15) und versteht dies als einen neuen Schöpfungsakt Gottes in der Auferstehung eines "geistlichen Leibes".

In der Theologiegeschichte war jedoch bis zur Aufklärung die Vorstellung einer Unsterblichkeit der Seele durch den Einfluss griechischer Philosophie prägend, wobei auch die Vorstellungen, die Seele sei immateriell oder gar präexistent, d.h. schon vor der Geburt des Menschen existent, diskutiert wurden. Mit der Vorstellung einer unsterblichen Seele ging zudem häufig ein strikter Dualismus von Leib und Seele einher, beeinflusst vor allem durch den Platonismus bzw. Neuplatonismus.

Aber es wurde auch in Anlehnung an die Seelenlehre des Aristoteles der Leib wieder stärker an die Seele gebunden, etwa bei Thomas von Aquin, der lehrte, dass die Seele nur in uneigentlicher Form nach dem Tod weiterlebe und darum auf die Wiedervereinigung mit dem auferstandenen Körper wartet.

Johannes Calvin und Martin Luther lehrten ebenfalls die Unsterblicjhkeit der Seele, wobei Luther von einem gewissen "Seelenschlaf" ausging, der bis zum Jüngsten Tag der Auferstehung reicht.

Einen strikten Dualismus zwischen Leib und Seele vertrat schließlich René Descartes, der die Seele allein dem Bereich des Denkens zuordnete und der sie als solche für unsterblich hielt. Der Körper hingegen funktioniere rein mechanisch und sei seelenlos zu verstehen und vergänglich.

Die Katholische Kirche vertritt die Unsterblichkeit der Seele bis heute. In der evangelischen Theologie hingegen finden sich Konzepte, dass mit dem Körper auch die Seele stirbt. Die Auferstehung ist somit nicht die "Wiedervereinigung" der unsterblichen Seele mit dem Körper, sondern die Auferstehung des "ganzen Menschen".

Was meint nun also die Seele? Lässt sie sich im Körper oder an sich erkennen? Ist sie unsterblich, etwa als immaterielle Seele, die nach dem Tod den Körper verlässt? Oder muss auch sie vergehen in der unauflöslichen Einheit mit dem Körper?

Letztlich lassen sich diese Fragen nicht beantworten. Die Rede von der Seele des Menschen ist vielmehr ein Ausdruck davon, das Leben des Menschen nicht auf seine biochemischen Prozesse zu reduzieren, den Menschen nicht rein materialistisch wie eine Maschine zu betrachten.

Die Seele des Menschen steht als Metapher für die von Gott geschenkte Persönlichkeit des Menschen, für seine Würde, für sein Wesen und seine Identität und seine Bewahrung nach dem Tode bei Gott. Allerdings ist die Seele des Menschen gut biblisch nicht von seinem Körper zu trennen und somit auch nicht als etwas Starres und Festes zu betrachten. Sie verändert sich wie der Körper durch die Erfahrungen, die der Mensch im Leben macht, und harrt wie der Körper auf Gottes neuschöpferische Kraft.

(Autor: Pfarrer Nils Huchthausen)