Kirchenmusik in unseren Gottesdiensten

Als die Beschränkungen wegen des neuartigen Corona-Virus begannen, waren wir alle bestürzt: Wir dürfen keine Gottesdienste mehr in den Kirchengebäuden feiern. Gerade in der Krisenzeit brauchen Menschen doch Halt bei Gott, suchen ihn und stellen Fragen. Und mit den Chorproben sind für die Chorsängerinnen und -sänger zwei gleich wichtige Elemente weggebrochen, nämlich die Gemeinschaft und das Singen.

Doch die Verbote haben Chancen freigesetzt: Wie viele andere Kirchengemeinden haben auch wir unsere Gottesdienste online übertragen, und ich bin erstaunt, wie schnell die anfängliche Skepsis in kreative Begeisterung umgeschlagen ist. Es war mir immer wichtig, dass der Gemeindegesang als Gesang mit Text vertreten ist, und so kam schnell die Idee auf, kleine solistische Gruppierungen von bis zu vier Sängerinnen und Sänger aus dem Chor der Advent-Kirche die Gemeinde vertreten zu lassen – mittlerweile immerhin bereits vier Monate lang! Dass wir Musikerinnen und Musiker auf der Empore durch die Übertragung auch während des Spielens zu sehen waren, ist sehr gut angekommen. Und wir haben beständig unser Ton- und Bildregiekonzept überarbeitet, verworfen, neu erstellt und optimiert. Kantorin Isabel Pauer konnte sich bei der Auswahl von Musikliteratur und Chorälen mit wechselnden Besetzungen nach Herzenslust austoben und sagte: „Es liegt mir am Herzen, u.a. Choräle zu Gehör zu bringen, die normalerweise für die Gemeinde schwer singbar sind; sehr alte Melodien beispielsweise. Sie anzuhören soll sie neu erfahrbar machen.“ Auch die Texte der Liturgie, die den Gottesdienstbesuchern durch die allwöchentliche Wiederholung bekannt sind, wurden durch andere Vertonungen neu ausgedeutet.

Einmal hatten wir aus produktionstechnischen Gründen den Einzug, den Auszug und ein Flötensolo aus der Gottesdienstaufzeichnung extrahiert und separat aufgenommen. Als der Gottesdienst seinem Ende entgegenging und der Segen gesprochen war, herrschte eine kurze betretene Stille. Ich meinte daraufhin: „Es freut mich, dass das Nachspiel so sehr fehlt.“ Das bedeutet nämlich: Es ist ein wirklich wichtiges Element in unseren Gottesdiensten.

Ab dem 10. Mai 2020 durften Gottesdienste wieder in den Gebäuden stattfinden, aber ohne Gemeindegesang (ausgerechnet zum Sonntag Cantate!). Auch in dieser Situation dachte ich zunächst ablehnend: „Ohne Gemeindegesang sind Gottesdienste für mich nicht vollständig.“ Immerhin blieb so Raum für zeitlich ausgedehnte Beiträge des Gesangquartetts. Das passte zum Sonntag Cantate und ist auch zu Nicht-Corona-Zeiten üblich gewesen.

Zum Sonntag Rogate bekam ich die Rückmeldung eines Gemeindemitglieds mit Dauerabonnement in der letzten Bank der Advent-Kirche: „Ihr funktioniert da oben so gut zusammen, dass zumindest ich ganz gut mit meinem kirchlichen Zwangsverstummen umgehen kann – ich hatte da mehr Sorge im Vorfeld – es bleibt ‚richtiger‘ Gottesdienst. Und wenn Du nicht nur hörbar bist, sondern zwischendrin noch höchstpersönlich erscheinst, wird es wunderschön! Außerdem brumme ich manchmal leise mit.“ Diese Nachricht hat mir Mut gemacht, denn obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass Gemeindegesang eine wichtige Ausdrucksform unseres Glaubens ist, zeigt sie, dass es auch möglich ist, eine Zeit lang darauf zu verzichten. Ein weiterer Stammgast auf der Rückbank meinte, er sei durch die wenigen Sängerinnen und Sänger im Gottesdienst intensiver erreicht worden als durch einen großen Chor.

Dabei ist es nicht für alle Kirchenchorsängerinnen und -sänger selbstverständlich und auch nicht für alle machbar, den Schritt zu wagen aus der Sicherheit und dem Schatten eines großen Chores heraus in den sensibleren Bereich des Sologesanges. Als zu Trinitatis (07.06.2020) die Verordnung dahingehend verschärft wurde, dass nicht einmal Chorgesang erlaubt wurde, war ich schon bereit, mich auf die neuen Formen zu freuen, die wir suchen und finden mussten. An dem Sonntag übernahm Religionspädagogin Sarah Schromek das Amt der Vorsängerin und wir hatten bereits ein Lied der Band Hillsong eingeplant. Und da das Argument „Das kennt die Gemeinde doch gar nicht!“ jetzt nicht mehr griff, machten wir das Beste draus und gestalteten unser Trinitatisfest überwiegend mit Lobpreissongs. Auch das ist sehr gut angekommen, wie mir mehrere Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst versicherten.

Vielleicht liegt auch in dem bewussten Verzicht ein Stück Antwort auf die Frage, wozu unser Verstummen gut sein könnte. In der Fastenzeit verzichten wir ja auch bewusst auf verschiedene Dinge, die uns lieb geworden sind (Schokolade, alkoholische Getränke, das Auto, der liturgische Gesang: Gloria in excelsis Deo, das Halleluja,…) um sie danach wieder bewusst genießen zu können. Beim Eröffnungskonzert des diesjährigen Strausberger Orgelsommers ist mir das besonders deutlich aufgefallen: als erstes Konzertangebot nach langer Brache hatte es die Sympathie der Konzertbesucher alleine wegen seiner Existenz. So fröhliche Gesichter habe ich noch nie erlebt, bevor ich zu spielen begonnen hatte. Vielleicht wird ein ähnlicher Effekt eintreten, wenn wir die Choräle wieder als Gemeinde singen dürfen. Ich wünsche es mir.

Daniel Richter, Organist der Advent-Zachäus-Kirchengemeinde