Das Christentum und Europa - eine gescheiterte Beziehung?

Was haben sich oppositionelle kirchliche Kreise im Osten Deutschlands seit den 1970er Jahren über die aufrechten Bürger in Polen und Ungarn gefreut, die dem kommunistischen  Machtanspruch der Sowjetunion über den Ostblock auf vielfältige Weise widerstanden. Hatte der Einmarsch der Sowjets 1968 in der Tschechoslowakei und die brutale Niederschlagung des Prager Frühlings doch gerade erst gezeigt, dass Opposition aussichtslos erschien. Das musste Pfarrer Goertz gemeinsam mit einigen ostdeutschen Freunden 1978 in Prag erleben, als sie zum 10. Jahrestag des Einmarsches auf dem Altstädter Ring in Prag bei der Kontaktaufnahme mit tschechischen Jugendlichen "zugeführt", also festgenommen, wurden. Als 1989 viele auch im Westen vor einer Wiedervereinigung Deutschlands warnten, waren es ausgerechnet ostmitteleuropäische Dissidenten, die in solchem Bestreben keinen verderblichen Nationalismus erkennen konnten und die die deutsche und europäische Einheit begrüßten. Was ist davon heute noch geblieben?

Europa scheint auseinanderzufallen. Gerade die Ostmitteleuropäer, die Polen, die Ungarn, die Tschechen und die Slowaken, scheinen immer mehr auf einen neuen Nationalismus zu setzen, der gerade in Westeuropa Befremden und Entfremdung auslöst. Doch auch das alte Westeuropa und der Süden (Italien) sind nicht nur wegen der Migrationsbewegungen immer zerrissener. Werden sich nach dem Brexit Großbritanniens aus der Europäischen Union weitere Länder dazu entschließen, sich aus der europäischen Gemeinschaft zu verabschieden?

Anachronistisch, weil romantisch (siehe Novalis "Die Christenheit oder Europa" von 1799) erscheint da der Versuch, das Christentum als einigendes Band Europas heraufzubeschwören. Zumal Religion als friedensstiftende Kraft sowieso diskreditiert ist. Man muss da nicht einmal den Dreißigjährigen Krieg heranziehen, um Zweifel am Versöhnungspotential der christlichen Religion zu hegen. Mal abgesehen davon, dass die Berufung auf das "christliche Abendland" von Rechtspopulisten betrieben wird, deren Ignoranz gegenüber der jüdisch-christlichen Tradition offenkundig ist.

Glaubt man den selbsternannten Propheten, haben christliche Kirchen und die Europäische Union eines gemeinsam: sie stehen vor dem Untergang. Und sogar die Ursache ist demnach gleich: die Islamisierung des christlichen Abendlandes. Mordende Horden wollen demnach Kirchen brandschatzen, die grüne Flagge des Islams hissen, Europa islamisieren und seine christliche Tradition ausmerzen. Und ausgerechnet Nationalsozialisten und an die "guten alten Zeiten" Denkende wollen nun mit dem Ausgrenzen Neuer und Fremder das Abendland retten. Sie spalten damit Europa, selbst wenn sie damit die Dominanz des Christentums auf dem alten Kontinent erreichen könnten. Wobei sie ohne Frage Werte vertreten, die der Urlehre des Christentums diametral widersprechen ("Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst", "Du sollst den Fremdling nicht ausbeuten"). Die vermeintlichen Retter des christlichen Abendlandes werden zu Totengräbern der EU.

Diese kommen aus zwei Richtungen: Aus dem Osten, von den neuen Mitgliedern der Europäischen Union, wo eine Mischung aus Zweifel, Selbsthass, Minderwertigkeitsgefühlen, Trotz und eines Sich-unverstanden-Fühlens aus glühenden Anhängern der EU Zweifler gemacht hat. Ohne tiefgreifende gesellschaftliche Diskussion, ohne Anpassungsperiode und ohne Anrechnung der bisherigen Lebensleistung der Menschen dort mussten die neuen EU-Mitgliedstaaten das "Acquis Communautaire" genannte, mehr als 20.000 Gesetze und Verordnungen auf mehreren zehntausend Seiten gedruckte Regelwerk der EU übernehmen.

Mit Verve haben sich Polen, Esten und Bulgaren der Union angeschlossen. Und obwohl das als "Brüssel" verkürzte und von Robert Menasse als System und "Die Hauptstadt" beschriebene komplexe Gebilde in Polen, Ungarn und Rumänien immer noch höher geschätzt wird als die einheimische, nationale Politik, kommt nun EU-Kritik auf. Weil die Erkenntnis aufstößt, nur etwas Fremdes, Aufgewzungenes, wenn vielleicht auch Besseres übernommen zu haben. Und für viele ChristInnen wurden mit neoliberaler Marktlogik christliche Werte und die eigene Identität hinweggespült, etwa durch ausufernde Ladenöffnungszeiten in Polen.

Die Enttäuschung und der Trotz, die Attraktivität des neuen Populismus werden auch noch dadurch verstärkt, dass man es mit dieser Anpassung nicht einmal den "Lehrmeistern" Recht macht. In Polen und Ungarn übrigens ebenso wie im Osten unseres Landes - trotz des offensichtlichen Profitierens von Europa. Und der Westen des Kontinents, der Westen auch Deutschlands? Er fühlt sich missbraucht und ausgenutzt und letztlich auch noch mit Undank gestraft.

Kann in dieser Zerrissenheit das Christentum eine vermittelnde Rolle spielen? Europa gründet auf den Säulen Antike und Christentum, manifestiert im Römischen Reich, herausgefordert durch die Auseinandersetzung zwischen Rom und Byzanz (vorher Konstantinopel, danach Istanbul), dem Schisma zwischen der West- und der Ostkirche (katholisch versus orthodox), der Einflussnahme des Islams bis nach Wien und Spanien, erschüttert durch Reformation und Gegenreformation, angetrieben durch die Aufklärung, die schließlich die Unterscheidung von Staat und öffentlicher Religion ermöglichte.

Die Verwerfung des 20. Jahrhunderts mit seinen beiden Weltkriegen und den unterschiedlichen Konsequenzen, die daraus gezogen wurden, haben die Europäer jedenfalls so erschrocken, dass fast der ganze Kontinent über 70 Jahre im Frieden hat leben können.

75 Prozent der Europäer sind Christen, aber der Einfluss der Kirchen scheint nicht nur in Deutschland immer geringer zu werden - und das nicht nur wegen der demographischen Entwicklung. Dabei könnte die Idee der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die gerade die Unterscheidung von Gott und Mensch ermöglicht (und damit die Idee der Demokratie), und die damit einhergehende Praxis der Menschenwürde und der Unteilbarkeit der Menschenrechte und ein stärkerer sozialer Ausgleich solch ein einigendes Band sein - für den weiteren Zusammenhalt Europas und auch in Dialog und Auseinandersetzung mit Judentum, Islam und den unaufgeklärten Agnostikern und Atheisten zeitgenössischer Prägung.

(Autor: Matthias Brüggmann)