Handeln hilft

Die Ängste der Deutschen und was die Kirche dagegen tun kann

Wer weiß am besten, wovor sich die Deutschen fürchten? Wohl die, die mit der Angst Geschäfte machen. Versicherungsunternehmen geben regelmäßig Befragungen in Auftrag, um herauszufinden, was die Deutschen am meisten fürchten, sicherlich auch, um entsprechende Produkte anzubieten. Gegen die Angst vor Einbrüchen und Unwetter hilft die Hausratversicherung, die finanziellen Risiken von Krankheit und Pflegebedürftigkeit lassen sich durch entsprechende Versicherungen zumindest lindern, und wer Altersarmut fürchtet, kann sich ja zusätzlich privat versichern - wenn er oder sie es sich denn leisten kann.

Doch trotz allem Eigeninteresse hinter solchen Umfragen geben diese Einblick in die Ängste der Deutschen. Vor allem die Umfrage der R+V Versicherungen, die schon seit 25 Jahren nach den Ängsten der Deutschen fragt, gilt als Klassiker unter diesen Studien. Und weil die beauftragten Forscher schon so lange entsprechende Daten sammeln, konnte die Versicherung bei der Vorstellung der Studie 2019 als erstes eine wichtige Aussage treffen: "Die Stimmungslage in Deutschland hat sich verbessert. Durch einen Rückgang bei fast allen Sorgen sinkt der Angstindex - der Durchschnitt aller abgefragten Ängste - von 47 auf 39 Prozent und erreicht damit den niedrigsten Wert seit 1994." Das passt zu Ergebnissen anderer Studien, wonach rund 80 Prozent der Deutschen mit ihrer Lebenssituation zufrieden sind und nicht von Existenzsorgen oder drohender Arbeitslosigkeit geplagt zu sein scheinen.

Das bedeutet aber nicht, dass die Deutschen angstfrei sind, die Sorgen richten sich nur weniger in den privaten als in den politischen Raum. 56 Prozent der Deutschen befürchten, dass der Staat durch die Zahl der Geflüchteten überfordert ist. Fast ebenso viele Bürger und Bügerinnen (55 Prozent) haben Angst davor, dass es durch den weiteren Zuzug von Ausländern zu Spannungen zwischen Deutschen und hier lebenden Ausländern kommt. Es folgen die Sorgen, dass Trump die Welt gefährlicher macht. Traditionell groß sind auch die Sorgen, dass die Politiker von ihren Aufgaben überfordert sind, und auch die Angst vor wachsendem militanten Extremismus (vor allem dem Islamismus, aber auch dem Rechtsextremismus). Deutlich geringer, aber dennoch mit gut 40 Prozent weit voran, ist die Angst vor den Folgen des Klimawandels.

Angst vor dem Fremden, dem Klimawandel und Misstrauen gegenüber der Politik - dagegen hilft keine Versicherung. Das Geschäft mit der Angst machen stattdessen derzeit erfolgreich die Rechtspopulisten. Sie misstrauen den sogenannten etablierten Parteien? Dann wählen Sie doch die neue, die noch nicht etabliert ist und deren Vertreter sich als Systemveränderer und Außenseiter inszenieren. Angst vor Migration und Flüchtlingen? Grenzen dicht machen. Problem gelöst. Und der Klimawandel? Fake-News, den gibt es gar nicht... Wer das alles tatsächlich für Lösungsansätze hält, glaubt wahrscheinlich auch, dass Lebensversicherungen das Leben sicherer machen.

Aber auch wer weiß, dass populistische Politik nicht die Lösung ist, muss sich der Frage stellen, woher das Misstrauen gegen die Politik kommt. In einem Interview mit der evangelischen Zeitschrift "zeitzeichen" hat der Soziologe und Angstforscher Heinz Bude vor 2 Jahren eine Analyse geliefert, die weiterhin gültig zu sein scheint: "Wir befinden uns am Ende einer Periode von dreißig bis vierzig Jahren, die manche als Neoliberalismus bezeichnen." Doch die Idee, dass es für eine Gesellschaft am besten ist, wenn jeder bestmöglich für sich selber sorge, komme angesichts von Problemen, die nur global zu lösen sein werden, wie etwa Migration oder der Klimawandel, an ihre Grenzen. Es gehe darum, "dass man im Grunde das Gefühl hat, am Ende von etwas zu sein, aber keine Idee eines Anfangs zu haben".

In der Tat: Vieles, was lange Zeit gültig war, scheint nicht mehr zukunftsfähig zu sein. Welche Rolle kann Kirche in so einer Situation spielen? Was bedeutet die alte Weihnachtsbotschaft "Fürchtet euch nicht" für christliches Handeln und Predigen? Gewiss nicht, in das Geschäft mit der Angst einzusteigen. Gottvertrauen ist in solchen Zeiten des Misstrauens ein großer Schatz, der bewahrt werden will, und aus dem die Kraft zur Gestaltung der sich verändernden Verhältnisse entspringen kann.

Ein Beispiel: Das von der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) geplante Schiff zur Rettung von schiffbrüchigen Flüchtlingen im Mittelmeer, über das viel diskutiert wird. Hier die klare Meinung des Autors: Das Schiff ist zuerst ein diakonischer Akt, der dem Beispiel des barmherzigen Samariters folgt. Wer in Not ist, braucht Hilfe, egal ob er unter die Räuber  gefallen ist oder in Seenot gerät. Dass die Politik sich aus dieser Aufgabe zurückgezogen hat, hat viel mit Angst zu tun - etwa davor, dass die Rechtspopulisten noch mehr Stimmen bekommen, oder davor, dass man so weitere Flüchtlinge aufs Mittelmeer lockt (ein Argument, das Studien mittlerweile entkräftet haben) und davor, dass mögliche Attentäter unter den Geflüchteten sind. Man weiß ja schließlich nie, wen am da rettet... Doch: Hätte der Samariter aus dieser Haltung der Angst agiert, wäre er wie die anderen vor ihm an dem Verletzten vorbeigegangen.

Es ist deshalb gut, dass der Kirchentag mit seiner Forderung nach einem Schiff und in dessen Folge dann die EKD gegen solche Ängste ein Zeichen gesetzt hat. Schließlich ist es nichts Neues, dass Christen sich Flüchtlingen zuwenden und ihnen helfen. Auch in unserem Sprengel engagieren sich Menschen dankenswerter Weise ehrenamtlich in dieser Arbeit. Und es wird ja wegen des Schiffs keine Predigt ausfallen und keine Stelle gestrichen, denn Kirchensteuermittel sollen nicht in das Projekt fließen. Stattdessen sollen möglichst viele Gruppen, Verbände und Einzelpersonen Mitglieder in dem zu gründenden Verein werden, der dann Spenden sammelt. Es wäre zu wünschen, , dass dieses Projekt gelingt, es wäre ein deutliches Zeichen gegen die Angst. Denn auch hier gilt, was in allen Umbrüchen und Neuanfängen gilt:

Angst lähmt, handeln hilft.

 

(Autor: Stephan Kosch)