30Jahre Friedliche Revolution und die Rolle der Kirche

Vor 30 Jahren im Herbst stürzte eine Volksbewegung in der ehemaligen DDR das totalitäre SED-Regime, das alle seine Machtmittel zunehmend auf die Stabilisierung eben dieser Macht konzentriert hatte. Dazu gehörte in erster Linie das MfS zur Überwachung der Bevölkerung, die NVA mit ihren Grenztruppen, die Kampfgruppen-Miliz, die Polizei, die Massenmedien und die Zensur sowie die "Nationale Front" mit ihren Parteien und Massenorganisationen vom Kulturbund bis zum Anglerverein. Nur eine große Organisation in zwei ungleichen Abteilungen war aus ideologischen Gründen nicht integriert: die evangelische und die katholische Kirche, von der man glaubte, sie würde ohnehin absterben, und man tat alles, um dies zu bewirken. Dass die Autonomie der evangelischen Kirche erhalten blieb, war in meinen Augen wesentlich Manfred Stolpe zu verdanken. Sie blieb eine Enklave der Freiheit und Demokratie in der staatlich vergewaltigten Gesellschaft. Sie wurde so zur Brutstätte der friedlichen Revolution in der DDR. 

Daran hatte auch die Bartholomäus-Gemeinde einen erheblichen Anteil. Das kam so:

Vikar Reinhard Lampe wohnte 1986 in der Hufelandstraße. Er unternahm am 25. Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 1986, eine einsame Protestaktion an der Bernauer Straße an einem von Westberlin aus sichtbaren Fenster: "Man stirbt mit der Mauer im Kopf" war zu lesen. Schnell wurde er festgenommen und kam in Stasi-U-Haft. Der GKR unserer Gemeinde fasste einen Beschluss, mit dem er sich mit Reinhard Lampe solidarisierte. Bischof Forck intervenierte und erreichte, dass Lampe nach seine Verurteilung auf Bewährung frei kam. Doch er hielt sich nicht an die Bewährungsauflagen. Zusammen mit zwei Freunden, Stephan Bickhardt und Ludwig Mehlhorn, entwarf er einen Antrag an die Synode Berlin-Brandenburg auf "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung", um ein grundsätzliches Votum der Kirche zum Skandal der endgültigen Spaltung Deutschlands zu erreichen. Nun musste ein antragsberechtigtes Gremium gefunden werden. Deshalb wandten sich die Drei an mich mit der Bitte, den GKR dafür zu gewinnen, sich den Antrag zu eigen zu machen. Dies gelang mir gemeinschaftlich mit Pfarrerin Almuth Berger. Der GKR rang sich durch zu diesem schweren Beschluss, der ja eine erhebliche Herausforderung für die staatliche Seite sein würde.

Es war an mir als Mitglied der Synode Berlin-Brandenburg, diesen Antrag im April 1987 in die Synode einzubringen. Ich erhielt zwar starken Beifall, aber der Ausschuss, an den er überwiesen wurde, entschärfte ihn derartig, dass er kaum noch wiederzuerkennen war. Unsere Enttäuschung war groß. Wir begegneten damals häufig der Überzeugung, die Teilung unseres Landes sei eben der historische Preis, den Deutschland für die in seinem Namen begangenen Nazi-Verbrechen zu zahlen und zu akzeptieren habe.

Wir beschlossen, nicht aufzugeben und gründeten in der Pfarrwohnung Berger eine Initiativgruppe für weitere Aktionen. Almuth Berger bewog Probst Heino Falcke dazu, unseren Antrag nun auch in die Bundessynode im September in Görlitz einzubringen, und wir riefen Gemeinden und ihre Vertreter dazu auf, unseren Antrag durch Eingaben an das Präsidium der Bundessynode zu unterstützen.

Leider konnte sich auch die Bundessynode nicht dazu durchringen, unserem Antrag zuzustimmen, weil es Anzeichen gab, die auf eine Bereitschaft des Regimes hinzudeuten schienen, sich einem Dialog zu öffnen. Eine Annahme unseres Antrages könne da kontraproduktiv wirken, so befürchtete man. Dass es mit dieser Bereitschaft nicht weit her war, zeigte sich wenig später bei der Razzia des MfS gegen die Umweltbibliothek der Zionsgemeinde im November 1987. Es folgte die Verhaftungsaktion gegen Oppositionelle, die an der traditionellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration im Januar 1988 mit eigenen Plakaten u.a. mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" teilnehmen wollten.

Berliner Gemeinden reagierten darauf mit einer ganzen Reihe von Fürbitt-Andachten mit einer steigenden Anzahl von Teilnehmern. Auch die Bartholomäuskirche war brechend voll.

Nach der Fälschung der Kommunalwahl im Mai 1989, an deren Aufdeckung wir beteilgt waren, meinten wir, die Geschäftsgrundlage des Staat-Kirche-Gesprächs vom 06. März 1978, das zu der Formel "Kirche im Sozialismus" geführt hatte, sei nun zerstört, so dass eine neue grundsätzliche Klärung des Staat-Kirche-Verhältnisses nötig sei. Deshalb schrieb der Initiativkreis am 30. Mai einen Brief an die Konferenz der Kirchenleitungen, der auch von den Mitgliedern des GKR und des Friedenskreises unterzeichnet war, mit der Bitte, die staatliche Seite zu Gesprächen darüber an einen Runden Tisch einzuladen. Es war dies die erste Initiative zur Einberufung eines Runden Tisches. Am 12. September 1989 gründeten wir mit unserem "Aufruf zur Einmischung in eigener Sache", der von Stolpe am Rande der Bundessynode in Eisenach öffentlich gemacht wurde, die Bürgerbewegung

Demokratie Jetzt

Sie gehörte neben dem Neuen Forum, der "Initiative Frieden und Menschenrechte" und anderen Initiativen zu den Akteuren der Wende. Die bildeten eine Kontaktgruppe, die am 10. November 1989 nach Absprache mit Manfred Stolpe und Bischof Forck die SED und die Blockparteien sowie Vertreter der eigenen Gruppen zum 7. Dezember in das Bonhoeffer-Haus in Berlin einlud, wo die konstituierende Sitzung des Runden Tisches stattfand. Unser Prinzip war eine paritätische Vertretung der alten und der neuen Kräfte mit je 2 Leuten unter Moderation durch Vertreter der Kirchen. Nach diesem Muster bildeten sich in ganz kurzer Zeit in allen Landkreisen und größeren Städten Runde Tische. Zwei Parolen bestimmten das Geschehen dieser spontanen Demokratisierung:

"Wir sind das Volk!" und "Keine Gewalt" 

So gelang die friedliche Revolution. Die Hauptaufgabe des Zentralen Runden Tisches war die Auflösung des MfS sowie die Vorbereitung freier Wahlen durch ein Wahlgesetz und ein Parteiengesetz. Die fanden dann am 18. März 1990 statt.

 

(Autor: Hans-Jürgen Fischbeck, langjähriges Mitglied des Gemeindekirchenrates von St. Bartholomäus bis in die neunziger Jahre)