Totgeschlagen - Totgeschwiegen - den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus

Die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus wurden nach 1945 in beiden deutschen Staaten (DDR & BRD) totgeschwiegen, die Anerkennung als Opfergruppe des Nationalsozialismus blieb ihnen bis 2002 verwehrt. 

Durch das "Gesetz zur Änderung des Gesetzes zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege (NS-AufhGÄndG)" vom 23. Juli 2002 wurde es in der Weise geändert, dass nun auch die Urteile nach §§ 175, 175a Nr. 4 in der Fassung des Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuchs vom 28. Juni 1935 (RGBl. I S. 839) pauschal aufgehoben wurden.

Die KZ-Gedenkstätten in Deutschland (DDR und BRD) weigerten sich, der Opfergruppe der Homosexuellen (Rosa Winkel) wenigstens eine Gedenktafel zu widmen. Weil das Internationale Lagerkomitee Dachau 1985 die Aufstellung eines Gedenksteines im öffentlichen Raum verweigert hat, musste er bis 1995 in der Evangelischen Versöhnungskirche in der Gedenkstätte aufgestellt werden.
Vgl.: Albert Knoll (Hrsg.): Der Rosa-Winkel-Gedenkstein. Die Erinnerung an die Homosexuellen im KZ Dachau - ISBN 978-3-935227-19-3
Am 21. Mai 1983 hat eine Berliner Gruppe von Schwulen & Lesben um den schwulen Aktivisten ⟩  Christian Pulz die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (NMuG) besucht. Dies wurde wurde von der Kreisdienststelle Oranienburg des MfS beobachtet:
»... die feststellung der personalien ergab, dass alle personen ddr-buerger sind... 13 Personen (7 männliche, 5 weibliche und 1 Kind) ... diese Personengruppe ... betrat gegen 13.00 Uhr die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Sehr interessiert und tiefgründig informierten sie sich über die einzelnen Ausstellungsbereiche ... und legten gegen 15.45 Uhr am "Galgen" ein Blumengebinde (ohne Aufschrift) nieder. ... folgende Eintragung im Gästebuch vorgenommen: "Wir gedachten heute der im KZ Sachsenhausen ermordeten homosexuellen Häftlinge. Wir waren sehr betroffen, hier nichts über ihr Schicksal zu erfahren.«
Quelle: ⟩ BStU, MfS, BV Potsdam, KD Oranienburg, Nr. 12398

30. Juni 1984 – Versuchte Kranzniederlegung

Aus einer „Operativen Information“ des MfS, Abteilung XX/2, Aktenzeichen lu-pl 42 328 vom
27.6.1984: »Die Arbeitsgruppe „Homosexueller für den Frieden“ (ESG) plante einen Besuch und
Kranzniederlegung in der Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Wortlaut der Schleife: „Zum
Gedenken an die Homosexuellen, die im 3. Reich umgebracht wurden. Gruppe Homosexuelle für
den Frieden Berlin“ „Eintragung in das ausliegende Gästebuch, wobei man hauptsächlich die
Frage aufwerfen will, warum inhaftierte gewesene Homosexuelle nicht als Verfolgte des NSRegimes
anerkannt werden. Der Text, er umfaßt ca. eine Seite A4, wurde bereits vorbereitet und soll nur noch in den ausliegenden Buch eingeklebt werden.«

»... In Gedenken an die Homosexuellen Opfer des Faschismus - Arbeitskreis Homosexuelle Selbsthilfe Berlin - Lesben in der Kirche...«
Quelle: BStU, MfS HA XX, Fo 760 Bild_0104)
Diese Kranzniederlegung wurde durch das MfS unterbunden. Der Kranz wurde später auf einem Treffen der Arbeitsgruppe am 8. Juli 1984 ausgestellt.

27. Juni 1985 - Der Westberliner Schwulenaktivist ⟩  Detlef Mücke erinnert sich an eine Kranzniederlegung in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (DDR).

„Anlässlich des 40. Jahrestags der Befreiung vom Faschismus sollte im Rahmen des „Christopher Street Day“ (CSD) an die ehemaligen Rosa-Winkel-Häftlinge erinnert werden. Aus diesem Grunde hat das »Kommunikations- und Beratungszentrum homosexueller Frauen und Männer e.V. in Berlin (West)« zu einer Kranzniederlegung in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen (NMuG - DDR, Oranienburg) eingeladen.

Die Teilnehmer aus Westberlin mussten selbst einen „Antrag auf Einreise in die DDR“ in einem „Büro für Besuchs- und Reiseangelegenheiten“ stellen. Auf dem Programm standen eine angemeldete Führung durch die NMuG, eine Kranzniederlegung für die Rosa-Winkel-Häftlinge, der Dokumentarfilm „Todeslager Sachsenhausen“, ein Vortrag von  ⟩  Joachim Müller „Zur Situation der Homosexuellen in den Konzentrationslagern“ und eine Eintragung in das Besucherbuch.

Bild: Joachim Müller hält die Gedenkrede. 2. v.l. Ingried Klebon (lesbische Aktivistin), ... 5. v.l.
Detlef Mücke (schwuler Aktivist; GEW Schwule Lehrer) und viele andere Aktivisten. - Quelle:
Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Dauerausstellung im Neuen Museum.
Die Schwulenaktivisten aus Westberlin wurden durch einen Mitarbeiter der NMuG geführt und begleitet: »Herr Meister war ein dem Thema aufgeschlossener und gesprächsbereiter Begleiter«. Das sehr ansprechende, geschmackvolle Gebinde, das durch die pädagogische Abteilung besorgt worden war, welches eine Schleife trug, die auf der ‚Absenderseite‘ unbedruckt war, hat allerdings zu einem Mißklang geführt.“ Dazu noch einmal Detlef Mücke: »Die rote Schleife mit der Aufschrift „DIE OPFER MAHNEN UNS / TREFFEN DER BERLINER SCHWULENGRUPPEN“ hatte ich in einem Blumenladen in West-Berlin anfertigen lassen und in meiner Unterhose über den Grenzübergang Bahnhof  Friedrichstraße in die DDR „rüber geschmuggelt“, da uns bewusst war, dass eine derartige Schleife nicht in Ost-Berlin gefertigt werden konnte. Diese Schleife haben wir zusätzlich an das Gebinde befestigt, aber sie wurde noch in unserer Anwesenheit entfernt«.

24. September 1988 - Unserer Gesprächskreis Homosexualität

Am 24. September 1988 legten wir erstmalig in der NMuG an der ›Station Z‹ mit der Plastikgruppe vom DDR-Nationalpreisträger Prof. Waldemar Grzimek  für die homosexuellen KZ-Opfer einen Kranz und Blumen nieder.
Station Z‹ so bezeichnete die SS ein Anfang 1942 errichtetes Gebäude, das Krematorium und Vernichtungsort zugleich war. "Z", der letzte Buchstabe des Alphabets, stand in zynischer Weise für die letzte Station im Leben eines Häftlings. Dort befanden sich vier Krematoriumsöfen, eine Gaskammer und ein Erschießungsbereich. 

Kranzniederlegung am 6. Mai 1989

Am 6. Mai 1989 aus Anlass des Tages der Befreiung vom Nationalsozialismus (8. Mai 1945) legten wir gemeinsam mit dem »Arbeitskreis der Bekenntnisgemeinde Berlin „Schwule in der Kirche“« und dem »Arbeitskreis homosexuelle Selbsthilfe der evangelischen Kirche« aus Brandenburg Blumen und Kränze nieder. Seit dem erfolgt jährlich im Mai aus diesem Anlass ein Gedenken der homosexuellen Opfer in Sachsenhausen.

(Bildquelle: Potsdamer Kirche, 11.06.1989)

47 Jahre - nun nicht mehr länger totgeschwiegen

Die Tageszeitung „Neues Deutschland" berichtet in ihrer Ausgabe vom 10. Juli 1992: Mitglieder der Schwulengruppe bei der PDS Berlin haben im KZ Sachsenhausen einen provisorischen rosa Gedenkwinkel mit der Aufschrift "Totgeschlagen - Totgeschwiegen - den schwulen Opfern von Sachsenhausen" für die vor 50 Jahren dort von den Nazis ermordeten 200 Rosa-Winkel-Häftlinge angebracht. Dabei waren auch Vertreter des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweise der Senatsverwaltung für Frauen, Jugend und Familie. Damit wird an eine Tradition der Schwulen- und Lesbenbewegung angeknüpft, die für das Anbringen von Gedenktafeln in Konzentrationslagern und anderen erinnerungswürdigen Stätten kämpft, um auf das Leid der durch die Nazis getöteten Homosexuellen aufmerksam zu machen. Die zunächst nur provisorischen Gedenkwinkel sollen später durch feste Gedenktafeln ersetzt werden.

Was die Zeitung nicht wusste: Peter Birmele bemühte sich bereits seit dem 21. Mai 1991 um die Errichtung einer Gedenktafel/eines Gedenksteins für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus. Die Landesregierung Brandenburg, die Gedenkstättenleitung und eine Expertenkommission vertraten die These, dass alle Opfergruppen zu berücksichtigen sind. Als neuer Ort des gemeinsamen Gedenken wurde das Gelände des Zellenhauses vorgeschlagen. Im Sommer 1992 wurde dort eine Gedenktafel angebracht. Rechts und Links von dieser Tafel sollten weitere Gedenktafeln folgen.

Tafel gegen das Vergessen

Der Diplom-Bildhauer Stephan J. Möller aus Hohenbruch, Ldkrs. Oberhavel, wurde im Juni 1992 von Peter Birmele mit dem Entwurf beauftragt. An den Entwürfen und Gestaltung hat Peter Birmele als ausgezeichneter Buchhersteller mitgewirkt. Die Firma Bätschmann, Fahrzeug- und Pavillonbau aus Henningsdorf übernahm die Ausführung der Arbeiten.

Endlich, am Totensonntag, dem 22. November 1992, wurde die Gedenktafel feierlich enthüllt. Über 150 Menschen nahmen an der feierlichen Enthüllung teil. Die Berliner Schwulenchöre „Männerminne“ und „Rosa Cavaliere“ trugen unter der Leitung von Thomas Noll die mit Gesängen durchsetzte Todesfuge von Paul Celan vor.

[Video: www.youtube.com/watch]

Unser Festredner Wilfried Rummler bezeichnete diesen Moment, die Enthüllung der Gedenktafel, als ein „Zeichen der Freude und der Dankbarkeit … Lesben und Schwule sind nicht nur Opfer, weil sie in den faschistischen Konzentrationslagern totgeschlagen wurden. Die Diskriminierung setzte sich nach dem Kriege fort, als sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik diese Opfer totschwiegen“ … „Auch wurde an die besondere Situation der homosexuellen Häftlinge im Lager erinnert. Sie waren die „niedrigste Kaste“ und ausgegrenzt aus der Schreckensgemeinschaft. Viele mussten im Außenlager „Klinker“ schwerste körperliche Arbeit verrichten, nicht wenige gingen daran kaputt. Wie viele genau weiß niemand. Insgesamt wird die Zahl der Rosa-Winkel-Häftlinge in allen Lagern auf 15 000 geschätzt. (ND, 23.11.1992, S. 5) In der Liste der Toten der bisher namentlich bekannten Homosexuellen des KZ Sachenhausen werden durch Joachim Müller und Andreas Sternweiler (Schwules Museum Berlin) Namen von 315 Todesopfern aufgeführt.

Die zur Gedenkveranstaltung eingeladenen Vertreter der Brandenburgischen Landesregierung blieben der Veranstaltung fern.

Im Anschluss an die Einweihung der Gedenktafel luden der Arbeitskreis der Adventgemeinde und die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) Berlin zu einem gottesdienstlichen Gedenken im Andachtsraum ein.

 

Totenbuch & Stolpersteine der bisher namentlich bekannten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers im KZ Ravensbrück

Die Ermordeten sollen nicht noch um das Einzige betrogen werden, was unsere Ohnmacht ihnen schenken kann – das Gedächtnis. 
Theodor W. Adorno: »Eingriffe«

Die Namen der bekannten homosexuellen Opfer des KZ Sachsenhausen & des Männerlagers des KZ Ravensbrück finden Sie auf: Totenbuch & Stolpersteine. In der Zwischenzeit sind mehr als 315 Namen bekannt.

Die Liste wurde mit freundlicher Unterstützung u. a. von:

• Rainer Hoffschildt (Hannover, Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen (VEHN) e.V.)
• Jürgen Wenke (Rosa Strippe, Bochum)
• Albert Knoll (München)
und weitere Helfer um Angaben zu Stolpersteinen, Leidensweg, ... ergänzt.

Wichtig erscheint uns, die Namen der im Männerlager KZ Ravensbrück ermordeten schwuler Männer zu erforschen. Das KZ Ravensbrück war nicht nur ein Frauenlager. Anders als bei den Frauen war die homosexuelle Veranlagung ausreichend, um sie zu verfolgen, sie in Gefängnissen und Zuchthäusern einzusperren; sie wurden zwangssterilisiert und in den KZ's ermordet.