Pfarrer Mark Pockrandt und die Lektorin Uta Motschmann haben gemeinsam für die Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum der Immanuelkirche geforscht. In den Akten von Pfarrer Johannes Schwarzkopff  sind sie auf den Namen und das Schicksal von Pf. Friedrich Klein aufmerksam geworden.

Friedrich Heinrich Klein (*03.08.1905 ⚔  08.1944) war vom 2.6.1935 – 2.1.1943 Pfarrer der Ev. Immanuel-Kirchengemeinde.

Er wurde am 27.11.1942 durch den 3. Senat des Reichskriegsgericht nach § 175 StGB wegen homosexueller Handlungen verurteilt und ist mit Inkrafttreten des Urteils am 2.1.1943 vom Konsistorium der Mark Brandenburg unter Verlust seiner geistlichen Rechte und Bezüge aus dem kirchlichen Dienst entlassen worden.
 
Foto: Ausschnitt aus der Gedenktafel für Pfarrer Schwartzkopff; Eingeweiht am 21. November 2018
(c) Lothar Dönitz

Seit dem im Frühjahr 2018 das Schicksal von Pf. Friedrich Klein bekannt geworden war kämpft der Gesprächskreis Homosexualität der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde Berlin-Prenzlauer Berg gemeinsam um die Rehabilitierung aller wegen Homosexualität aus dem Dienst entfernten Mitarbeiter der evangelischen Kirche.

»Das vom Arbeitskreis Homosexualität der Ev. Advent-Zachäus-Kirchengemeinde formulierte Begehren einer Rehabilitierung Kleins und aller anderen Opfer nimmt einen anderen, bislang „vergessenen“ Aspekt in den Blick: die aus der Aufhebung des Strafrechtsurteils folgenden Konsequenzen für die seinerzeit getroffenen kirchenrechtlichen Maßregelungen Kleins. Auch diese hätten entsprechend  korrigiert werden müssen. Bis heute hat die  Ev. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO)  – wie generell die Ev. Kirche in Deutschlands (EKD) – auf die seit Juli 2002 existierende neue Rechtssituation nicht reagiert. Das heißt: Im Kirchendienst stehende Geistliche und Laien, deren Verurteilungen unter dem NS-Regime nach § 175 RStGB aufgehoben wurden, sind kirchenrechtlich bislang nicht rehabilitiert und damit auch die seinerzeit getroffenen dienstrechtlichen Maßregelungen nicht aufgehoben worden. In Anbetracht der Tatsache, dass Pfarrer Klein (wie auch andere Betroffene) verstorben ist, könnte dieses Versäumnis als bedauerlicher Fehler interpretiert werden. Es ist aber weit mehr: um die Ignoranz und/oder das Desintereresse der EKBO gegenüber dem Schicksal jener Menschen, die auf Grund ihres Sexualverhaltens seinerzeit strafrechtlich verfolgt und gesellschaftlich ausgegrenzt wurden – ein Sachverhalt, der auch auf  einschlägige Verurteilungen nach 1945 zutrifft.«
Aus der Stellungnahme von Dr. Günter Grau, Historiker, Berlin, 2020-08-30

Friedrich Klein verbüßte einen Teil der Strafe im Wehrmachtsgefängnis Torgau. Im Juli 1944 wurde die Strafe zur „Bewährung im Fronteinsatz“ ausgesetzt, die „Frontbewährung“ erfolgte in vorderster Front. Er wurde einem "Bewährungsbataillon" zugeteilt. Offenbar kam er an die vorderste Front im Großraum Leningrads. Schon nach wenigen Tagen ist er, unter nicht näher bekannten Umständen, umgekommen. Erst Jahrzehnte später konnte über den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ermittelt werden, dass im Gedenkbuch der Kriegsgräberstätte Sologubowka (pdf), etwa 70 Kilometer von heutigem St. Petersburg entfernt, der Vermerk „vermisst seit 1. August 1944“ an Friedrich Klein erinnert.

Am 1. September 2020 fand in der Immanuelkirche ein Gedenkgottesdienst mit Bischof Dr. Christian Stäblein statt:

Am 1. September 1935 ist die von den Nationalsozialisten verschärfte Fassung des  § 175 StGB in Kraft getreten. 85 Jahre danach wurde in diesem Gedenkgottesdienst das Pfarrer Klein geschehene Unrecht anerkannt und sein öffentliches Ansehen wieder hergestellt. Bischoff Stäblein erinnerte in der Predigt am Weltfriedenstag an den Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939.
 

Wegen der Corona Pandemie wurde auf Bitte des Gesprächskreises der Gottesdienst aufgezeichnet und auf YouTube veröffentlicht: https://www.youtube.com/watch?v=SwkMSyltXB8 - [0:57:36] -
Vielen Dank an die Macher*innen!

Fürbitten:

(Erarbeitet von Klaus-Dieter Lorenz, Gesprächskreis Homosexualität)

Pfarrerin Silke Radosh-Hinder, stellvertretende Superintendentin des Kirchenkreises
Berlin Stadtmitte:
Lass uns Miteinander und füreinander in versöhnter Verschiedenheit beten:
Einzigartige GERECHTIGKEIT, erhalte uns den Willen und die Möglichkeiten auch noch nach Jahren von Ungerechtigkeit und Vergessen Deine Versöhnung zu leben.
Sei bei allen, die das mörderische Gewaltsystem des NS-Staates in Sachsenhausen, Ravensbrück, Auschwitz, Majdanek, Flossenbürg, Sobibor und allen Lagern der Demütigung, Vernichtung nicht vergessen können und wollen.
Denn wir erleben wieder der Satz „der Schoß ist fruchtbar noch“, sich in diesen Tagen erschreckend bewahrheitet. Gib uns jetzt die Kraft alles zu tun um Erinnerung und Erlösung zusammen zu bringen.
Sei bei allen, die für Gerechtigkeit arbeiten in Staat, Kirchen und Gesellschaft.

Pfarrer Dr. Mark Pockrandt, Immanuelkirche:
Bunte VIELFALT, lass uns erkennen, dass Deine Schöpfung weitaus mehr ist, als wir begrei-fen und verstehen können.
Sei bei allen Menschen, die queer leben wollen und sich bei Dir in ihrer Einzigartig-keit geborgen fühlen. Wir denken an dieser Stelle besonders auch an die LGBTQ-Menschen in Polen, in Russland, in Tschetschenien und andere Staaten voller Homophobie, die in ihrem Land zurzeit massiven Beschränkungen und Ausgrenzungen  ihres queeren Lebens ausgesetzt sind.
Gib uns allen dafür offene Augen, Ohren und Herzen.

Pfarrerin Marion Gardei, Beauftragte für Erinnerungskultur der EKBO:
Erahnte SANFTMUT, lass uns nicht auf Waffen und das Recht der Stärkeren trauen, nimm Witwen, Waisen, Fremdlinge und Arme alle Bedürftigen in Deinen Ratschluss und uns in die Pflicht.
Sei bei allen, die flüchten müssen und wollen.
Führe sie auf einen guten Weg zu sich selbst und wenn es möglich ist zu DIR:
In Deine VIELFALT.
Mit der SANFTMUT, die gesegnet ist.
Dorthin, wo sich GERECHTIGKEIT und FRIEDEN küssen.
Gestalte die LIEBE einzigartig.

Pfarrer Dr. Mark Pockrandt, Immanuelkirche:
Immerwährende LIEBE, erhalte uns allen die Liebesfähigkeit in Lieblosigkeit und Streit und mache uns zum Werkzeug Deines Friedens.
Sei bei allen Glücklichen und segne ihr Glück.
Sei bei allen Einsamen, dass sie Geborgenheit finden, in welcher Form auch immer.
Sei bei allen Suchenden, dass sie Heimat finden.

Kollekte nach dem Gottesdienst ca. 550 €
Entsprechend unseres Vorschlags wurde nach dem Gottesdienst das Geld für LGBTQ-Menschen an die Lebensberatung am Berliner Dom gespendet. Die Lebensberatung am Dom wird gerade "umgebaut". Zunehmend treffen dort Männer ein, die aus katholischen, orthodoxen und muslimischen "Biographien" nicht weiter kommen und Rat und Hilfe suchen, weil sie aus ihren Gemeinschaften ausgeschlossen werden und teilweise "verfolgt" werden. Das gehört natürlich auf keine Öffentlichkeitsseite, ist aber sehr wichtig, dass es dazu eine Anlaufstelle gibt. 

Weitere Dokumente: